Shaping Thought
Schreibtools beeinflussen durch ihr Interface, wie wir denken und was wir schreiben. Diese Regeln erscheinen uns normal, weil wir an sie gewöhnt sind, doch sie wurden gestaltet und beeinflussen unser Verhalten durch ihr Design.
Shaping Thought macht diese unsichtbaren Regeln sichtbar: Nutzer können sie brechen und ihre eigenen Schreibtools bauen. Durch das Verändern der Regeln entstehen neue Wege des Schreibens und Denkens.
Hinweis: Personenbezeichnungen gelten für alle Geschlechter.
Rolle
Concept
Research
UX / Interaction Design
Prototyping
Web Development
Branding
Zeitraum
Februar 2026 - Juni 2025
Die Website des Tools
Die Spannung zwischen Denken und Schreiben
Seit einigen Jahren meditiere ich sehr viel. Bei dieser Art von Meditation, die ich mache, beobachtet man seine Gedanken: Wie sie auftauchen, sich bewegen und wieder verschwinden.
Gleichzeitig schreibe ich jeden Tag Tagebuch und bringe meine Gedanken aus meinem Kopf. Durch beide Praktiken wurde mir eine Differenz bewusst:
Denken ist fragmentarisch, chaotisch und überlagernd.
Schreiben dagegen fixiert und bringt Gedanken in eine lineare Sequenz.
Schreiben zeichnet unsere Gedanken also nicht neutral auf, sondern verändert sie.
Denken ist chaotisch, Schreiben geordnet
Ich begann experimentelle Schreibinterfaces zu bauen, um diese Spannung zwischen Denken und Schreiben zu erkunden. Mein erstes Experiment: Der Cursor läuft weiter, egal ob man schreibt oder nicht. Wenn man nichts schreibt, werden Lücken sichtbar und die Zeitlichkeit des Denkens wird sichtbar.
Beim Benutzen des Tools merkte ich, dass ich plötzlich anders schrieb. Der laufende Cursor setzte mich unter Druck, ich schrieb schneller, um keine Lücken zu hinterlassen. Eine einzige veränderte Regel veränderte, wie und was ich dachte.
Von da an war die Richtung klar: Ich wollte untersuchen, was mit Denken & Schreiben passiert, wenn man die Regeln von Schreibinterfaces verändert.
Erstes Experiment: Der Cursor läuft weiter
Die Regeln moderner Schreibtools
Um zu wissen welche Regeln ich brechen konnte, musste ich erst verstehen, welche überhaupt da sind und wie sie entstanden sind. Ich begann Sprache & Schrift als Technologie zu betrachten: wie Sprache das Denken formt und wie die digitalen Interfaces von heute so wurden wie sie sind.
Ein Gespräch mit dem Medientheoretiker Prof. Bruhn half hier: McLuhans Idee, dass das Medium wichtiger ist als sein Inhalt. Das Werkzeug transportiert nicht nur Inhalt, es formt auch wie er produziert und verstanden wird. Sein Beispiel war die Schreibmaschine: Weil Korrigieren schwierig war, musste man einen Satz im Kopf fertig denken, bevor er aufs Papier kam. Die Regeln der Schreibmaschine veränderten also, wie gedacht wurde.
Unsere modernen Tools sind das Gegenteil der Schreibmaschine: jederzeit kann man löschen, kopieren, umstellen, rückgängig machen. Jeder Buchstabe erscheint sofort, editier- und löschbar, Spuren des Editierens verschwinden. Diese Regeln wirken nur neutral, weil wir an sie gewöhnt sind. Dabei wurden sie gestaltet, um Schreiben flexibler und effizienter zu machen.
Regeln brechen, verschieben, erfinden
Inspiriert von meiner Research, fing ich direkt an zu experimentieren. Ich wollte Regeln lockern, alte Einschränkungen zurückholen, bestehende übertreiben und neue erfinden. Was passiert, wenn der Cursor sich anders verhält? Wenn Text verschwindet? Wenn Editieren schwerer wird? Wenn Pausen, Zögern oder Ablenkung sichtbar werden?
Über die nächsten Wochen baute ich fast 30 Experimente, benutzte sie selbst und ließ andere damit schreiben, um zu sehen ob die Veränderungen einen Effekt hatten.
Ein Tool, das ich immer noch oft benutze, zeigt nur den aktuellen Buchstaben, alles andere ist verschwommen. Ich journale damit am Computer, besonders in Cafés. Es gibt mir Privatsphäre und ich kann weiterschreiben, ohne ständig neu zu lesen oder zu bewerten, und ohne dass jemand mitliest.
Von vielen Experimenten zu einem System
Das Tool besteht aus mehreren Parametern, die man ändern und kombinieren kann, um sein eigenes Tool zu bauen
Das Design: Alles aus einer Schrift
Gestalterisch entschied ich mich bewusst für eine einzige Schrift, damit der Fokus auf den neuen Regeln bleibt und nicht auf der Wahl der Typografie. Statt hunderter Schriften stellen Nutzer nur ein, wie serif oder sans-serif der Text sich anfühlt.
Eine variable Schrift passte perfekt: eine Schrift mit Parametern die sich kombinieren lassen, genau die Logik des Tools. Meine Wahl war Arizona von ABC Dinamo. Und weil sich im Projekt alles um Text dreht, baute ich jedes Element aus der Schrift selbst, auch die Icons bestehen aus Textzeichen.
Das ganze Design besteht nur aus einer variablen Schrift: Arizona von ABC Dinamo
Ein Tool um Tools zu bauen
Das Tool endet nicht beim Einstellen der Parameter. Nutzer geben ihrem Regelset eine kurze aufgezeichnete Vorschau, einen Namen und Writing-Prompts und speichern es als eigenes Schreibtool. Jede Konfiguration wird zu einem Tool das man benutzen und teilen kann.
Das war am Ende die Entscheidung die für mich am meisten Sinn ergab: nicht ein finales Schreibtool zu entwerfen, sondern ein Tool um viele zu erschaffen, jedes eine andere Art des Schreibens und Denkens.
Für mich hängt Shaping Thought mit einer größeren Frage meiner Praxis zusammen: Wie formen Interfaces menschliche Erfahrung? Eine Frage die ich weiter erkunden werde.
Ein Tool, um Schreibtools zu bauen und zu teilen.

